Deutschland baut Windkraft so schnell aus wie kein anderes EU-Land

Die Stimmung in der Windindustrie könnte kaum besser sein. Dafür gibt es allen Grund. Neuerdings ist Deutschland sogar Europameister: In keinem anderen Land werden neue Windräder schneller gebaut. Dabei gab es jahrelang nur ein Thema: Ewige Genehmigungsverfahren, eine überbordende Bürokratie und langwierige Klagen von Bürgern hatten den Ausbau der Windkraft seit 2016 regelrecht zusammenbrechen lassen.

Wer eine Anlage aufstellen wollte, musste sich erst einmal auf vier bis fünf Jahre Wartezeit einstellen – nur um eine Genehmigung zu bekommen. Mittlerweile liegt die durchschnittliche Genehmigungsdauer bei anderthalb Jahren, Tendenz sinkend.

Genehmigungen auf Rekordhoch

«Wir hatten noch nie bessere Rahmenbedingungen», schwärmt Hartmut Brösamle, der das operative Geschäft des Windparkplaners WPD leitet. Dies betreffe sowohl die jährlich ausgeschriebenen Mengen und das Vergütungssystem als auch die Länge der Genehmigungsverfahren und die Flächenausweisung. Auch beim Energiekonzern RWE ist die Freude groß: «Von der ersten Planung bis zur Inbetriebnahme haben wir zwei Jahre gewonnen», bestätigt Erneuerbaren-Chefin Katja Wünschel dem Handelsblatt.

Der Grund für den rasanten Anstieg: Das Bundeswirtschaftsministerium unter Minister Robert Habeck (Grüne) hat mit einigen Reformen wichtige Themen ins Rollen gebracht. Zum Beispiel die Vorgabe, dass nahezu jedes Bundesland zwei Prozent der Fläche für den Windkraftausbau ausweisen muss.

Außerdem wurde der Bau Erneuerbarer zum Anliegen von «öffentlichem Interesse und der öffentlichen Sicherheit» erklärt, und Genehmigungsprozesse wurden digitalisiert, vereinfacht und mithilfe einer Notfallverordnung auf EU-Ebene extrem beschleunigt. Trotzdem war lange nicht klar, wie massiv sich die Änderungen in der Praxis auswirken.

Ein gemeinnütziges Projekt mit dem Namen «Goal100» macht das anhand einer nie da gewesenen Datenbasis nun erstmals sichtbar. Die Macher von «Goal100» kommen dabei zu einem überraschenden Ergebnis: Läuft der Windausbau in dem Tempo weiter, könnte Deutschland sein Ziel von 115 Gigawatt Windkraft bis 2030 sogar leicht übertreffen. Auch Wirtschaftsminister Habeck zeigt sich angesichts der Zahlen überzeugt: «Wir sind auf Kurs. Die Energiewende kommt voran. Das macht uns unabhängiger von fossilen Energieimporten und ist gut für unser Klima», kommentierte er zur Einführung der neuen Plattform.

Branchenvertreter und Experten bestätigen das: «Die Genehmigungsverfahren sind inzwischen tatsächlich schneller geworden, sodass wir von dem Zehn-Gigawatt-Ausbauziel pro Jahr nicht mehr weit entfernt sind», sagt Dirk Briese vom Marktforschungsunternehmen Trend Research.

Engpässe bei der Umsetzung

Viele Projektierer wie WPD berichten aufgrund der extrem gestiegenen Nachfrage von Schwierigkeiten bei der Beschaffung wichtiger Bauteile: «Komponenten wie Windkraftanlagen, Trafos oder Umspannwerke bereiten uns Sorge. Die Hersteller haben teilweise Lieferfristen von zwei Jahren und mehr.  Dementsprechend steigt die Dauer der Realisierungsphase, die es braucht, um einen Windpark zu bauen und ans Netz anzuschließen. Lag sie 2015 laut den Daten von Goal100 noch bei 13 Monaten, sind es mittlerweile 29 Monate.

Quelle: Handelsblatt

Durchschnittliche Dauer des Genehmigungsverfahrens in Deutschland. Grafik: Handelsblatt

Zu sehen ist ein Windpark.

In Deutschland wurde 37 Prozent der installierten Leistung im Ersatz für Altanlagen realisiert. Nach Abzug der Stilllegungen erreichte der Netto-Zuwachs an Windenergieleistung 2545 MW. Der Anlagenbestand wuchs lediglich um 80 Windenergieanlagen.